Der Tierarztberuf: Krallenfrösche, ICU und lebenslanges Lernen

Interview mit Tierärztin Dr. Corinna Rutschveröffentlicht am 13.10.2020 auf wuidegoas.com von Daniela Diepold

Dr. Corinna Rutsch ist Tierärztin und hat vor über 25 Jahren zusammen mit ihrer Mutter Gudrun die Med Vet Symposien gegründet. Seit jeher stand dabei die praktische Fortbildung im Fokus des Unternehmens. Privat ist sie leidenschaftliche Reiterin, macht Yoga und geht gerne auf die Jagd. Mittlerweile arbeitet auch ihre Tochter Antonia im sympathischen Familienunternehmen. Warum lebenslanges Lernen so wichtig ist und was Krallenfrösche früher mit Schwangerschaftstest zu tun hatten, verrät sie im Interview.

Dr. Gudrun Rutsch und Dr. Corinna Rutsch (v.l)

Magst du dich kurz vorstellen?

Hallo, mein Name ist Dr. Corinna Rutsch und ich bin Tierärztin. Ich habe eine große Leidenschaft für das Organisieren und den Austausch mit spannenden Leuten, weswegen ich zusammen mit meiner Mutter vor 25 Jahren die Med Vet Symposien gegründet habe. Für das Tiermedizinstudium bin ich vor 40 Jahren nach Berlin gezogen und fand es zu Beginn ganz schrecklich dort. Für mich als Rheinländerin war es in der Großstadt ohne meine Familie, meinen Freund und mein Pferd nicht so schön. Über die Zeit wurde es besser und besser, sodass ich heute noch gerne in Berlin wohne und arbeite.

Wie kam es dazu, dass du die Med Vet Symposien gegründet hast?

Die Grundidee dazu kam 1995 erstmalig auf, nachdem ich mitgeholfen hatte den Weltkongress für Kleintiermedizin zu organisieren. Da habe ich gemerkt wie viel Spaß mir die Organisation von Fortbildungen macht. Damals hatte der praktische Teil in der Ausbildung zur TierärztIn komplett gefehlt. Das musste sich ändern! Deshalb lag der Fokus schon seit der Gründung unserer Symposien vor 25 Jahren auf der Praxis. Unsere Themen haben sich über die Jahre weiterentwickelt. Angefangen haben wir mit Zahnheilkunde und anschließend kam die Physiotherapie dazu. Wir erweitern unser Angebot laufend.

Ich war schon immer eine leidenschaftliche Reiterin und wollte später auch eine Familie gründen. Die Pferdepraxis war vor 30 Jahren eine wahre Herausforderung, sowohl aus körperlicher als auch zeitlicher Sicht. Auf Dauer wäre das nichts für mich gewesen. Ich habe auch stets andere Berufe ausgeübt und die Symposien nebenher mit meiner Mutter geführt. Irgendwann haben wir uns getraut und die Symposien hauptberuflich organisiert. Unser Unternehmen ist wortwörtlich handgestrickt und organisch gewachsen. Zu Beginn hat meine Mutter noch für alle TeilnehmerInnen gekocht. Da werde ich teilweise heute noch auf Kongressen angesprochen, ob sie das noch mache, da ihr Essen immer so gut sei. Auf den meisten Fortbildungen organisieren wir heute jedoch ein Catering. Zu Beginn waren wir nur in Berlin vertreten, aber mittlerweile bieten wir auch Symposien in Leipzig, Hamburg und Nordrhein- Westfalen an. Inzwischen arbeiten drei Generationen im Unternehmen, da uns meine Tochter Antonia Kraft jeden Freitag unterstützt. Sie und jüngere KollegInnen wie Vera Losansky und Sophie Doll sind für die neuen Medien zuständig und haben auch die Idee zu diesem Interview angestoßen.

Das Team auf einer Messe

Was beinhaltet euer Fortbildungsprogramm?

Wir haben uns zu Beginn bewusst dafür entschieden die Symposien auf die Haus- und Heimtiere, sowie die Pferde zu beschränken. Bei den landwirtschaftlichen Nutztieren liegen andere Fragestellungen zu Grunde. Es geht mehr um die Herde als das Einzeltier.

Neu ist ein Krallenfrosch Symposium an der Klinik Eppendorf. Diese werden dort zu Versuchszwecken gehalten und die Fortbildung dient dazu die Tiergesundheit noch weiter zu verbessern. Kleiner Fun Fact am Rande zu den Krallenfröschen. Sie wurden früher als Schwangerschaftstest verwendet. Dazu hat man sie mit Urin beträufelt und wenn sie danach ovulierten war klar, dass die Frau schwanger ist. Ansonsten umfassen unsere Themen innere Medizin, Chirurgie und Anästhesie. Nächstes Jahr kommt die Behandlung von Heimtierzähnen neu dazu. Bei den Pferden steht vor allem die Osteopathie im Vordergrund. Ansonsten bieten wir noch die Rubrik „auf anderen Wegen“ an, wo wir durch Zoos laufen oder man kann auch zum Yoga mit mir gehen.

Dr. Corinna Rutsch beim Yoga auf Hiddensee

Wo liegen tiermedizinische Trends der Zukunft?

Es liegt in der Natur der Sache, dass wir uns als Fortbildungsstätte ständig fragen was es Neues gibt und wie viel Praxis in diesem Neuen liegt. Macht es für die TierärztInnen Sinn diese Neuerungen vor Ort zu üben und anschließend in die eigene Praxis zu übernehmen? Aktuell kommt die Intensivtiermedizin aus den Staaten immer mehr nach Deutschland. Momentan gibt es nur an der Universität in Gießen einen eigenen Lehrstuhl dafür. Zum Beispiel gelangen Unfalltiere direkt auf diese Station und werden intensiv überwacht und betreut. Es ist wirklich faszinierend mit welchen Einsatz Tierleben gerettet werden können. Daran sieht man, wie sehr sich ein Teil der Tiermedizin in die Humanmedizin bewegt. Die größeren Kleintierkliniken werden diese Intensive Care Units (ICU) in der Zukunft auch einführen.

Wie hat euch Corona beeinflusst. Ihr habt seit Kurzem auch Web Symposien im Angebot?

Die Web Symposien hat meine Tochter Antonia mit dem jungen Team vorangetrieben. Online- Seminare haben klar den Vorteil, dass sie immer und überall angeschaut werden können. Sie sind auch sinnvoll, als Vorbereitung auf die Präsenzveranstaltungen, um die theoretischen Grundlagen zuvor wiederholen zu können. Dennoch bieten wir seit Mitte Juni wieder unsere Präsenz-Symposien unter Einhaltung der Abstandsregeln und der Maskenpflicht an. Die Praxis ist und wird immer unser Kernpunkt bleiben. Die KollegInnen sind auch unglaublich froh wieder raus zu kommen und sich wiederzusehen.

Wie wichtig ist lebenslanges Lernen und konstante Weiterentwicklung für TierärztInnen?

Grundsätzlich ist lebenslanges Lernen für alle Menschen wichtig, nicht nur für uns TierärztInnen. Das Leben entwickelt sich stetig weiter und wenn man nicht mitgeht, veraltet man und ist nicht mehr in der Lage die Realität klar zu beurteilen.

Die Entwicklungen in der Tiermedizin schreiten voran. Ich möchte dies gern am Beispiel der bildgebenden Diagnostik erläutern. Als ich begonnen habe zu studieren, haben wir nur die Radiologie gelernt. Als fertige TierärztInnen haben wir uns den Ultraschall selbst beigebracht. Dann kamen CT, MRT und es geht immer noch weiter. Heute sind wir so weit, dass die Bildgebung nicht mehr von Jedem bis in die Tiefe beurteilt werden kann. Dennoch braucht man das nötige Know-how, um zu wissen wie die Bilder richtig aufgenommen werden können. Das gleiche gilt für die Anästhesie und das Impfregime. Die Standards ändern sich laufend und ohne Weiterbildung bekommt man nichts mit.

Jede TiermedizinerIn bekommt nach dem Studium einen großen Werkzeugkoffer in die Hand. Die Frage ist was man damit machen will? Ich würde jedem vor seinem Abschluss raten sich grob zu überlegen in welche Richtung man gehen will. TierärztInnen werden gesucht, aber man muss sich auch finden lassen. Bin ich an einer intensiven Fachspezialisierung interessiert oder möchte ich lieber allgemein aufgestellt bleiben? Die Spezialisierung beginnt in der Regel mit einem Internship, dann bewirbt man sich bei einem European College, sucht sich einen Diplomate aus und fängt zu lernen an. Nach vielen Jahren Arbeit und zahlreichen Veröffentlichungen kommt eine schwere Prüfung. Hat man diese geschafft, hat man die Spitze erreicht. Dazwischen liegt noch der Fachtierarzt. Dieser Titel bietet eher einen Überblick und geht nicht bis in das letzte Detail.

Was macht dir besonders viel Spaß an den Med Vet Symposien?

Am meisten der zwischenmenschliche Aspekt. Ich schätze den persönlichen Kontakt zu den TeilnehmerInnen sehr. TierärztInnen sind so liebe Menschen, die mit beiden Beinen auf dem Boden stehen und immer interessante Sachen zu erzählen haben. Natürlich ist es auch spannend mit den ReferentInnen zu arbeiten und sich auszutauschen. Mit einer unserer Vortragenden Janine Brunner habe ich mich kürzlich über die Jagd unterhalten, weil sie selbst Jägerin ist und so kamen wir dazu nächstes Jahr ein Jagdsymposium für TierärztInnen anzubieten. Geplant ist schießen zu üben, Wild auszunehmen und Rezepte auszuprobieren.

Der zweite große Pluspunkt meiner Arbeit ist, dass ich mir meine Zeit frei einteilen kann. Die Vorbereitung, Nachbereitung oder das Brainstorming über neue Programme kann ich auch machen, wenn ich mit dem Pferd im Wald unterwegs bin oder Fahrrad fahre. Ich bin also vollkommen flexibel, bis auf die Wochenenden, an denen unsere Symposien stattfinden. Das ist wirklich wunderbar und passt zu mir und meinem Leben.

Ohne Pferde geht’s nicht!

Gibt es spezielle Symposien für StudentInnen?

Leider nein, da unsere Symposien zu 50 % auf die Praxis ausgerichtet sind, was sehr kostenintensiv ist für beide Seiten.  Auf Nachfrage bieten wir Restplätze an, wenn die Symposien nicht ausgebucht sind. Es freut mich immer sehr auf junge KollegInnen zu treffen und zu erfahren was sie gerade bewegt. Vor 20 Jahren haben wir öfters mal einen Tag organisiert, an dem sich TierärztInnen aus diversen Fachrichtungen und Berufsausübungen vorgestellt haben. Nicht nur die Pharmabranche oder das Amt sind möglich, sondern auch Entwicklungsprozesse, Personalabteilungen, oder Lebensmittelsicherheit. Das haben wir aber wieder aufgehört, da das Interesse nicht so groß war, da die meisten in die Kleintier– oder Pferdemedizin wollten.

Würdest du wieder Tiermedizin studieren?

Ich würde auf jeden Fall Humanmedizin oder Tiermedizin studieren. An der Tiermedizin ist der große Vorteil, dass die Menschen sympathischer sind. Es herrscht ein kollegialer, freundlicher Umgang. Ich schätze auch das breite Wissen, das man durch das Studium erlangt. Ob du Lebensmittelsicherheit machen oder Herzchirurg werden willst, liegt an dir. 1000 Möglichkeiten sind gegeben.

Einen Satz aus dem Studium von einem wahren „Anatomiehelden“ möchte ich zum Schluss noch zitieren: „Frau Rutsch, wenn sie sich in diesem Semester keinen Doktor angeln, dann müssen sie wohl oder übel selbst einen machen.“

Ja, was soll ich dazu sagen? Ich habe einen Doktor gemacht!